Wie hat sich die Bedeutung von Gastronomie im Shopping-Center verändert?

Entspannt essen: Casual-Dining-Restaurants wie Hans im Glück im Milaneo in Stuttgart sind weiterhin angesagt.

Welche Anforderungen muss ein Center heute erfüllen? Welche Angebote muss es bieten? In unserem Interview sprach Klaus Rethmeier, Director Key Account Management International Leasing bei der ECE, unter anderem über die gewachsene Bedeutung der Gastronomie für Shopping-Center und deren Entwicklung.

Klaus, wie genau hat sich die Bedeutung der Gastronomie verändert?

Die Gastronomie hat bei uns eine Komplettentwicklung erlebt. Noch 1999 war die Meinung weit verbreitet, dass Gastronomie im Center eher lästig sei, weil sie Gerüche und Lärm verursache. Wenn möglich solle die Gastronomie in Seitenlagen angesiedelt werden – als sogenannte Free-Flow-Restaurants. Und ansonsten könne man ja auch beim Metzger oder beim Bäcker etwas essen. Diese Sichtweise hat sich natürlich komplett geändert. Wir haben erkannt: Der Kunde kommt ins Center und möchte etwas essen. Zunächst waren es Quick-Service-Konzepte wie McDonald’s, Nordsee oder Mr. Clou, dann kam die große Kaffeezeit. Starbucks hatte das um 2002 angeschoben, gefolgt von Balzac, World Coffee und vielen anderen. Natürlich gab’s auch immer Eiscafés – früher teilweise bis zu 500 m² groß. Wir sehen inzwischen die Gastronomie als Anker! Der Wunsch, sich hinzusetzen und einen Kaffee zu trinken, ist nicht nur Vorwand, um dann zu shoppen, sondern das Ziel vieler Kunden.

Hast Du vielleicht ein paar Zahlen für uns?

Aber klar. 40 Prozent der Besucher wählen das Shopping-Center nach dem Gastronomieangebot aus, 60 Prozent nutzen es. Wir haben verstanden: Gute Gastronomie zieht Leute an. Deshalb bringen wir zum Beispiel Casual-Dining-Konzepte ins Center. Größere Food-Courts, die es ab 2004 gab, gestalten wir gemütlicher und attraktiver. Wir gehen weg von effizienzgetriebenen Mittelpunkten. Wir sind damals zu stark von technischen Erwägungen ausgegangen. Heute geht es ums Wohlfühlen – um die drei E’s: Emotions, Excitement und Entertainment. Das ist wirklich etwas ganz anderes als noch vor 15 Jahren.

40 Prozent der Besucher wählen das Shopping-Center nach dem Gastronomieangebot aus.

Da hat sich wirklich einiges verändert. Wie setzt sich das Gastronomieangebot heute zusammen?

Einen Schwerpunkt haben wir heute mit Cafés. Das reicht von Kaffeebars, Eiscafés bis hin zu Konditoreien und Confiserien. Oder ganz coole Coffee-Hotspots mit einem Craft-Coffee-Konzept, das sich an die „Vollbart-Urban-Hipsters“ richtet. Im Bereich Café kann man sehr, sehr viel machen. Da gibt es viele Entwicklungen, die inzwischen Café mit Casual-Dining-Ganztagskonzepten verbinden. Wie zum Beispiel Wilma Wunder, Cotidiano oder Brasserie-Konzepten, wo man Kaffee trinken, aber auch den ganzen Tag über speisen, relaxen und Freunde treffen kann.

Weiterhin sehr angesagt sind Quick-Service-Betreiber wie Nordsee, McDonald’s und KFC, weil es eben doch viele Kunden gibt, die keine Zeit haben und schnell etwas essen möchten. Die Qualität dieser Betreiber hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Die dritte Säule sind bei uns Casual-Dining-Restaurants. Die kreieren Plätze, wo die Menschen hingehen, weil sie sich wohlfühlen möchten, weil sie sich mit Freunden treffen oder mit der Familie hingehen. Das sind Konzepte wie Hans im Glück, Balducci, Vapiano oder L’Osteria. In diesem Bereich gibt es sehr viele individuelle Betreiber. Und die vierte Säule sind die Bäcker, Metzger, aber auch die Saftbars. Diese Mischung aus Lebensmittelverkauf und Gastronomie wächst gerade extrem stark. Das sind für mich die vier Kategorien, die wir hauptsächlich haben. Und als Trend sehe ich die Erlebnisgastronomie. Restaurants, wo Tischtennisplatten stehen, wo man spielen kann. Konzepte wie O‘Learys, wo man Bowling spielt. Diese laufen im Ausland schon sehr gut und scharren bei uns gerade mit den Hufen.

Es wird also alles wesentlich individueller. Welche Rolle spielt denn die Digitalisierung in der Gastronomie?

Im Skyline Plaza in Frankfurt testen wir gerade die digitale Bestellplattform „Easy Dining“. Die Idee ist, die Bestellprozesse abzukürzen, indem ich vorher schon in meiner App eingebe, was ich essen möchte. Und wenn ich im Restaurant ankomme, ist mein Essen bereits da. Gerade in der heutigen Zeit ist es wunderbar, wenn ich in meiner Business-Pause nicht in einer Schlange stehen muss, sondern mein Essen gleich serviert bekomme. Viele Gastro-Betreiber fragen sich, wie sie ihren Service-Level verbessern, ohne die Kosten nach oben zu treiben.

Cafés bilden einen Schwerpunkt im heutigen Gastronomiemix eines Centers.

Wie kann das noch funktionieren? Hast du noch ein Beispiel?

McDonald’s zum Beispiel hat sich um- und auf Digital eingestellt. Dort werden jetzt die Speisen teilweise zum Tisch geliefert. In dem Moment, wo ich einen Bestellvorgang digital machen kann, brauche ich niemanden mehr an der Kasse, der die Bestellung aufnimmt, eintippt und weitergibt. Ich spare einen Arbeitsgang. Der Mitarbeiter von der Kasse kann dem Gast die Speise zum Tisch bringen. Damit habe ich einen ganz anderen Kundenkontakt. McDonald’s schafft es, durch diese Service-Offensive seine Marktposition noch einmal deutlich auszubauen.

Klaus, Du hast uns erzählt, wie sich die Center in der Vergangenheit verändert haben. Wie sieht’s mit der Zukunft aus? Welche weiteren Entwicklungen siehst Du dort?

Ich glaube, dass wird sich so einpendeln: Wir brauchen gute Gastronomie, wir müssen dazu auch neue Branchen etablieren wie beispielsweise Automobile oder Service – das kann ein Tattoo-Studio sein oder ein Barber Shop. Natürlich Online-Konzepte. Ich glaube, es wird einen kräftigen Swing zurück auf die Regionalität geben – nach dem Motto: Nimm doch all das ins Center, was die Region und die Nachbarschaft ausmacht. Bilde dort den Community Hub. Integriere vieles, was mit Service zu tun hat und es dem Kunden angenehm macht. Vielleicht dazu in den oberen Etagen Ärzte. Ich glaube, wenn sich unsere Kunden im Center wohlfühlen, ihren Kaffee trinken und dann noch etwas einkaufen – dann bleibt ein Standort auch ganz langfristig relevant und erfolgreich. Grundlage für all das ist und bleibt natürlich ein enger und intensiver Austausch mit unseren Mietpartnern, um gemeinsam die besten Lösungen zu finden.

Vielen Dank für das Interview.

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